Rechtschreibreform: wieso, weshalb, warum

Lässt sich Sprache „von oben“ regeln? Mit der Rechtschreibreform von 1996 sollte die deutsche Sprache vereinfacht werden. Rückblickend wissen wir, dass das nur bedingt gelungen ist. Blicken Sie mit uns auf die Hintergründe dieser Reform.

Lange Zeit sprach und schrieb man in Deutschland, wie einem der Schnabel gewachsen war: im Dialekt. Dass das zu Verständigungsschwierigkeiten führte, kann man sich gut vorstellen. Nachlesen können Sie die frühe Geschichte der Rechtschreibung in unserem verlinkten Beitrag.

Nun hatte man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine einheitliche Sprache geeinigt. Allerdings wurden damals schon Kompromisse eingegangen. Es war klar, dass das Thema Sprache wieder einmal geregelt werden könnte, sollte, müsste – nur wann und wie?

Alle Bemühungen scheitern

Im Zweiten Weltkrieg setzte Reichserziehungsminister Bernhard Rust eine Orthographiekommission ein. Deren Aufgabe: Die Sprache vereinfachen, Fremdwörter eindeutschen. 1944 wurden die Reformbemühungen wieder gestoppt.

In den 1950er-Jahren scheiterte der Versuch einer weiteren Rechtschreibreform, dieses Mal am öffentlichen Widerstand. Namhafte Schriftsteller wie Thomas Mann, Friedrich Dürrenmatt und Hermann Hesse sprachen sich vehement gegen eine Reform und die damit verbundene „Verarmung der Sprache und des Sprachbildes“ (Hermann Hesse) ab.

So ging es in den nächsten Jahrzehnten weiter. Verschiedene Vorstöße, um die Sprache zu vereinfachen, entwickelten sich, aber kamen nicht voran.

Die älteren Lesenden erinnern sich vielleicht an einige Vorschläge aus den 1980er-Jahren, die das Institut für deutsche Sprache (IDS) gemeinsam mit der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) im Auftrag der Kulturminister-Konferenz (KMK) erarbeitet hat. Darin enthalten waren der „Keiser“ und das „Bot“. Auch hier wurde, entschuldigen Sie bitte, zurückgerudert: Die Vokalverdoppelung in Boot blieb erhalten, der Kaiser behielt sein Diphthong ai.

Rechtschreibreform von 1996

1996 trat schließlich eine Rechtschreibreform in Kraft. Sie basiert auf der Arbeit des 1980 gegründeten „Internationalen Arbeitskreises für Orthographie“. Darin waren überwiegend Germanisten und einige wenige Germanistinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreten.

Ziel dieser Rechtschreibreform war es, die Regelungen von 1901 den heutigen Ansprüchen anzupassen. Dort, wo es zu kompliziert war, die Sprache zu vereinfachen. Die Reform der Groß- und Kleinschreibung wurde außen vor gelassen, das erschien zu radikal.

Viele Gespräche später veröffentlichte der Internationale Arbeitskreis 1992 ein Buch: „Deutsche Rechtschreibung – Vorschläge zu ihrer Neuregelung“. Das war die Grundlage für weitere Diskussionen. 1996 beschlossen die Kultusminister*innen, die neuen Regelungen ab 1. August 1998 mit einer Übergangsfrist von sieben Jahren einzuführen.

Rechtschreibreform: die Änderungen

Unter anderem wurde das Stammprinzip eingeführt:

Beispiele: Aus überschwenglich wurde wegen der Ableitung von Überschwang überschwänglich. Weil aufwendig von Aufwand abstammt, wurde daraus aufwändig.

Die Groß- und Kleinschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung wurden reformiert. Fremdwörter wurden eingedeutscht und Kommaregeln gelockert. Bei der Worttrennung durfte ab sofort das stgetrennt werden, das tat ihm nun nicht mehr weh. :-)

Einen detaillierten Überblick zur Rechtschreibreform von 1996 hat das Institut für deutsche Sprache herausgegeben.

Die Reform der Reform

Verwaltungsgerichte befassten sich mit der Rechtschreibreform – denn sie kam nicht gut an. Doch 1998 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass alles rechtens sei. Dennoch wurde als Ergebnis der anhaltenden öffentlichen Kritik an der Rechtschreibreform die „Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung“ gegründet. Ihre Aufgabe war es, die Einführung der neuen Regeln zu begleiten und Nachbesserungen vorzunehmen. Sie wurde 2004 vom „Rat für deutsche Rechtschreibung“ abgelöst – und der hatte direkt zu tun.

Denn 2006 erschien die dritte Fassung der reformierten Rechtschreibregeln. Der Rat für deutsche Rechtschreibung überreichte der Konferenz der Kultusminister*innen eine Reihe von Empfehlungen. Diesen wurden einstimmig zugestimmt, sodass ab August 2006 die aktuellen Regeln verbindlich waren.

Sprache von oben regeln?

Darauf antworten wir mit einem klaren Jein. Sicherlich war es richtig, dass die deutsche Sprache vereinheitlicht wurde, wie das 1901 bei der „II. Orthographischen Konferenz“ geschah. Damals ging es elementar um klares Verständnis.

Da sich Sprache stetig entwickelt, ist es wichtig, sie ständig zu beobachten. Dass dafür der Rat für die deutsche Rechtschreibung geschaffen wurde, ist begrüßenswert. Vielleicht können Änderungen dadurch zeit- und praxisnäher aufgenommen werden, sodass eine solch große Rechtschreibreform nicht mehr nötig ist.

Richtig finden wir auch, wenn Sprache „von unten“ weiterentwickelt wird. So hat etwa die Stadt Hannover im Januar 2019 die geschlechterumfassende Sprache für die Verwaltung verbindlich eingeführt. Damit versucht sie, alle Geschlechter sichtbar zu machen. Auch hier gab es viel Aufregung …

Inzwischen hat sich die Aufregung über die Rechtschreibreform gelegt. Bereits 2001 erschienen 80 Prozent der neuen Bücher in der neuen Rechtschreibung. Nun, gut zwanzig Jahre später, macht man das, was man im Zweifel schon vor einhundert Jahren gemacht hat: Man greift zu einem Buch, inzwischen auch digital, und sieht die korrekte Schreibweise nach.

Wer ist wofür zuständig?

In diesem Beitrag haben wir viele Expert*innen genannt. Wir geben Ihnen einen kurzen Überblick, wer bei der deutschen Rechtschreibung wofür zuständig ist.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist „die maßgebliche Instanz für die deutsche Rechtschreibung“, so die Website. In der Tat, denn dieser Rat entwickelt die Rechtschreibung weiter und gibt Empfehlungen für das amtliche Regelwerk. Das amtliche Regelwerk ist die Grundlage der deutschen Rechtschreibung. Seit 2011 kann der Rat kleinere Änderungen eigenständig übernehmen.

In der Kultusminister*innen-Konferenz werden die Belange der Kulturpolitik behandelt, die überregional wichtig sind. Deswegen war diese Konferenz bei der Rechtschreibreform maßgeblich beteiligt.

Das Institut für deutsche Sprache (IDS) wurde 1964 in Mannheim gegründet. Es wird vom Bund und den Ländern finanziert und soll die deutsche Sprache dokumentieren und erforschen.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) existiert seit 1947. Im Gegensatz zu den bereits genannten Institutionen ist sie ein eingetragener Verein. Die GfdS wird von der Bundesregieren, den Ländern, einem Förderverein und den Mitgliedern unterstützt. Zu ihren wichtigsten Aufgaben zählt die Sprachberatung und die Vornamenberatung. Seit den 1970er-Jahren gibt sie in Deutschland „Das Wort des Jahres“ heraus.

Der Duden ist ein Wörterbuch der deutschen Sprache. Von 1955 bis zur Reform 1996 war der Duden maßgebend für die deutsche Sprache. Inzwischen wird er auf Grundlage des amtlichen Regelwerks und nach den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung weiterentwickelt. Dies betrifft vor allem grammatische Themen. Wie ein Wort in den Duden kommt, erklärt die Dudenredaktion selbst.

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